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Behinderung

Der Begriff „Behinderung“ wird je nach Forschungsdisziplin unterschiedlich verwendet und definiert. Es ist daher nicht verwunderlich, dass eine Vielzahl an Definitionsversuchen vorliegt – es wird also von keinem einheitlichen Verständnis ausgegangen – und sich Behinderung daher nicht per se definiert. Gunkel et al. (2022) nehmen dies beispielsweise zum Anlass, in ihrem Beitrag ausgewählte Diskurse über Behinderung vorzustellen sowie Anwendungsbeispiele für die Verwendung unterschiedlicher Termini in Bezug auf Behinderung – hier ist vor allem die Bezeichnung Menschen mit Behinderung, behinderte Menschen und Menschen mit Beeinträchtigungen gemeint – zu liefern. Die unterschiedlichen Perspektiven, die in diesem Beitrag behandelt werden, finden sich hier: Schreiben und Diskutieren über Behinderung.

Im Folgenden werden, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, gängige Definitionsversuche kurz präsentiert. Grundsätzlich wird zwischen drei Modellen von Behinderung unterschieden: dem individuellen (medizinischen), sozialen und interaktiven Modell.

Das individuelle (medizinische) Modell

Das individuelle (medizinische) Modell (mehr dazu u.a. in Egen, 2020, S. 23-26; Kastl, 2017, S. 47; Waldschmidt, 2005, S. 10-17) greift Behinderung ausschließlich als eine Beeinträchtigung des Körpers, der Psyche oder des Geistes einer Person auf und reduziert Menschen mit Behinderung daher darauf. Dies führt häufig zu einer Fokussierung auf Defizite und Nicht-Leistungsfähigkeit. Außerdem wird die Rolle von Gesellschaft und Mitmenschen oder Technologien in dieser Perspektive eher wenig beleuchtet.

Das soziale Modell

Als kritische Reaktion auf das eher medizinisch ausgerichtete individuelle Modell entwickelte sich das soziale Modell. Dieses erweitert das medizinische Modell aus gesellschaftlicher und sozialer Sicht, indem es Behinderung nicht mehr als Pathologie, sondern als gesellschaftliches Ergebnis betrachtet. Das heißt, dass die Behinderung nicht aufgrund einer körperlichen, psychischen oder geistigen Beeinträchtigung entsteht, sondern vielmehr durch soziale Systeme bzw. soziale Benachteiligung (mehr dazu u.a. in Egen, 2020, S. 26-32; Kastl, 2017, S. 48; Waldschmidt, 2005, S. 17-24).

Das kulturelle Modell

Auf Grundlage einer Weiterentwicklung wurde in den 1990er Jahren das soziale Modell zu einem kulturell geprägten Modell erweitert. Dieses sieht Behinderung als abhängig von sozialen und kulturellen Faktoren. Zudem rückt die Behinderung im kulturellen Modell als Problem in den Hintergrund, da es vielmehr um die kulturelle Beteiligung von Menschen mit Behinderungen geht. Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen – sie also als festen Bestandteil einer vielfältigen Gesellschaft zu begreifen – steht daher in diesem Modell im Fokus (mehr dazu u.a. in Egen, 2020, S. 32-35; Waldschmidt, 2005, S. 24-27).

Das bio-psycho-soziale Modell

Neben diesen drei Modellen wird Behinderung auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im bio-psycho-sozialen Modell der Internationalen Klassifikation von Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) klassifiziert. Dabei handelt es sich um eine international einheitliche Klassifikation, die Aspekte der Gesundheit aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Dementsprechend können mithilfe dieses Modells komplexe Wechselwirkungen zwischen mehreren Faktoren abgebildet werden. Wichtig ist, dass in diesem Modell die Frage in den Vordergrund rückt, welche Aktivitäten ein Mensch ausführen kann. Behinderung wird damit vor allem mit der Perspektive diskutiert, welche Aktivitäten ein Mensch ausführen kann und welche nicht – und was nötig ist, um weitere Aktivitäten zu ermöglichen. Aus dieser Perspektive ist zum Beispiel das Anbieten von Materialien in einfacher Sprache oder einer Online-Teilnahme an einer Veranstaltung ein Schritt, mehr Aktivitäten und damit mehr Teilhabe zu fördern. Mehr dazu findet sich hier: ICF-Dokument der WHO.

Tipp

Viele Menschen sind unsicher, welche Begriffe sie verwenden sollten. Das Projekt Leidmedien.de bietet praktische Tipps, wie Sie die Verwendung von Stereotypen vermeiden können.

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